Dienstag, 13. Juni 2017

Es war einmal Aleppo

Unter Flüchtlingen ist es doch wie überall auf der Welt. Es gibt gute Menschen, es gibt schlechte Menschen. Und es gibt schlechte Menschen, die aus schlechten Gründen Gutes tun und gute Menschen, die aus guten Gründen Schlechtes tun. (Seite 66)



Autor: Jennifer Benkau
Label: INK REBELS
(Taschenbuchausgabe gedruckt im Amrûn Verlag)
Seiten: 510
Erscheinungsdatum: 2016
ISBN: 978-3-95869-277-0
Taschenbuch mit Klappenbroschur; 14,90€


Die Menschen brauchen einen Sündenbock, und da werden Fremde immer gern genommen. (Seite 138)

Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Buch rezensieren und bewerten sollte.
Den Schreibstil? Der ließ mich durch die Seiten gleiten, ließ die Gefühle wirklich werden und fasste so manche Grausamkeit eiskalt in Worte.
Die Charaktere, die an echte Menschen angelehnt sind? Die Handlung, die so in etwa tausendfach passiert ist, ausgenommen die sich wirklich nachvollziehbar und süß entwickelnde Liebesgeschichte?

Man merkt dem Buch die im Nachwort beschriebene sehr gute Recherche an und vor allem, dass Jennifer Benkau auf ihre eigenen Erfahrungen in ihrem Ehrenamt zurückgegriffen hat. Auf Erzählungen realer Menschen und auf zahlreiche Interviews und Besuche von Erstaufnahmeeinrichtungen.
Es ist schwer, ein Buch zu bewerten, das irgendwie nur die Situation aus dem Sommer 2015 darstellt, eine Situation, die einem selbst aus den Nachrichten durchaus bekannt ist. Und die mit diesem Buch doch in gewisser Weise alltäglicher, realer wird.

In dem Buch wird man als Leser vor allem mit zwei Bereichen konfrontiert, die mich dazu veranlasst haben, dass ich das Buch teilweise beiseitelegen musste, weil ich fassungslos und wütend ob dieser Ungerechtigkeit war: Das Schicksal der Flüchtlinge und die Fremdenfeindlichkeit der Deutschen.
Ersteres lässt in mir persönlich immer den Wunsch aufkommen, einfach alle Menschen aufzunehmen, weil sie so viel durchgemacht haben, so viel erlitten haben. Weil Krieg grausam und ungerecht und brutal ist. Weil diese Menschen alles verloren haben und dann hier auch noch auf Ablehnung stoßen. Seien es Länder, die die Aufnahme verwehren, undurchsichtige Bürokratie aus endlosen Asylanträgen oder ebenjene Fremdenfeindlichkeit, die ich wohl nie begreifen werde.
Und während sich die Wogen der Flüchtlingskrise auch dank des fragwürdigen Deals mit der Türkei zunehmend glätten, wird das Thema Fremdenfeindlichkeit angesichts des steigenden Populismus immer aktueller.

Toni selbst lebt in einer Familie, die alles andere als begeistert davon ist, dass in ihrer Nachbarschaft plötzlich ein Flüchtlingsheim ist. Nachdem Toni als Kind ansehen musste, wie ihr Vater von südländisch aussehenden Männern krankenhausreif geschlagen wurde, hat sie Angst vor Migranten. Auch die Ressentiments in ihrer Familie teilt sie anfangs. Doch dann folgt sie zögernd der Aufforderung ihrer engagierten besten Freundin Fee, in dem Camp zu helfen und beginnt, ihre Ansichten zu überdenken.
Gleichzeitig begegnet sie in ihrer Familie immer wieder Vorurteilen und hier zeigt die Autorin gekonnt, wie diese auch in einem scheinbar ganz gewöhnlichen, gutbürgerlichen und eigentlich doch gar nicht rassistischen Umfeld auftreten. In der eigenen Familie, bei Menschen, von denen man das so nicht erwarten wollte.
Die Autorin zeigt auch, wie wenig hinter diesen Vorurteilen steckt, wie sehr diese die Augen vor dem Schicksal der Menschen verschließen und lässt sie so nur noch unfassbarer wirken. Sie gibt Einblicke die jeweiligen Kulturen, in die Hintergründe der Flucht und des syrischen Bürgerkrieges, alles, ohne dass Infodump auftritt. Nur Fassungslosigkeit angesichts der Ungerechtigkeit.
Gleichzeitig hebt die Autorin auch das Engagement von Flüchtlingshelfern hervor - und deren Hilflosigkeit in Anbetracht der Lage.

Das Buch hat mich mitgenommen, zum Nachdenken anregt, hat mich berührt, wütend und ungläubig gestimmt und hat mich auch nach dem Lesen nicht losgelassen. In jedem Fall ist es ein sehr empfehlenswertes Buch, gerade weil es so gut geschrieben ist, mit unheimlich vielschichtigen Charakteren und einer mehr als authentischen Handlung.

4 Kommentare

  1. hey,

    mich beschäftigt das Thema generell auch sehr (ich habe ja in der Schule auch mit Flüchtlingskindern zu tun... teilweise bricht mir echt das Herz bei ihren Geschichten). Aktuell hätte ich auch große Lust mal einen Roman zu diesem Thema zu lesen, möchte aber auch nichts, was jetzt total platt oder romantisierend ist.

    Thema Fremdnefeindlichkeit: Das nervt mich aktuell auch total. Vor allem, dass alles so über einen Kamm gescherrt wird. Es gibt nur die guten Deutschen, die nie irgendwelche Straftaten begehen und die bösen Flüchtlinge, von denen jeder uns alle umbringen will. Das ist einfach völlig falsch, es gibt in jeder Nation und in jeder Religion Straftäter.
    (Und btw finde ich es lächerlich, dass immer betont wird, wie böse der Koran doch ist. In der Bibel steht mindestens genau so viel schlimmes Zeug.) So, das zu diesem Thema :D

    Also danke für die begeisterte Rezi, das Buch landet gleich mal auf meiner Wuli :)

    Liebe Grüße
    Lena

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    1. Hallo Lena,

      ich kann dir das Buch auf jeden Fall empfehlen, gerade weil es so gut recherchiert ist und nicht romantisiert.

      Oh ja, das regt mich auch auf. Überall eigentlich, aber hier besonders. Dieses Pauschalisieren, anstatt jedem Menschen neu und offen zu begegnen. Ich meine, was ist denn das bitte für eine verdrehte Logik, nach der alle Flüchtlinge kriminell sind? Ich glaube, ich werde auch das Prinzip der Fremdenfeindlichkeit nie begreifen. Nur weil ein paar kriminell sind, kann man doch nicht den freundlichen, hilflosen Asyl verwehren ...
      Oh ja, das ist wirklich lächerlich. Ich meine, ich habe den Koran nie gelesen, abgesehen von der ersten Sure, und die hat mich stark an die Bibel erinnert. Die wiederum unzählige Passagen enthält, die die Tötung Ungläubiger empfehlen. Ganz zu schweigen von den Massakern, die Christen im Namen ihrer Religion begangen haben.

      Liebe Grüße :)

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  2. Huhu libebe Dana,

    wow, ich bin gerade etwas geflasht von diesem Buch, bzw von deiner Rezi! Ich hatte schon vor einiger Zeit dieses Buch in den Händen gehalten und wollte es mir auch kaufen, aber irgendetwas hat mich daran gehindert. Es sollte eigentlich viel mehr solcher Bücher geben, damit dieser Fremdenhass endlich mal verschwindet. Ich weiß noch ganz genau, wie mich die Bilder aus dem Sommer 2015 in den Nachrichten schockierten und wütend gemacht haben. Diese Ungerechtigkeit und dieser grundloser Hass. Ich will gar nicht wissen, welche furchtbaren Erlebnisse diese Menschen erleben mussten. Es ist einfach furchtbar. Und da geht es mir wie dir: Ich würde am liebsten auch so viele Flüchtlinge wie es geht aufnehmen, damit sie nicht wie Dreck behandelt werden müssen.

    Mir geht es da auch ähnlich wie Lena, diese Verallgemeinerung von wegen die Flüchtlinge kommen ja nur um die deutschen Frauen zu masshandeln und uns die Arbeitsplätze wegzunehmen. Absoluter Bullshit. Die Deutschen sind auch keine Vorzeigemenschen. Und Mistkerl ist Mistkerl, das hat mit der Herkunft gar nichts zu tun. So etwas regt mich echt auf.

    Aber um auf deine Rezi zurückzukommen, finde ich es wirklich großartig, dass sich die Autorin mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich denke viel zu wenige wissen tatsächlich, welche Ängste diese Menschen tagtäglich durchleben müssen.

    So, nun werde ich mir das Buch ganz sicher bald mal zulegen. Danke für deine Rezi!

    Liebe Grüße,
    Cata

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    1. Hallo liebe Cata,

      ich kann auch dir das Buch absolut empfehlen!

      Ja, das stimmt, wobei ich glaube, dass die Menschen mit Vorurteilen solche Bücher leider gar nicht erst lesen. :/ "Sommer unter schwarzen Flügeln", war auch so ein tolles Buch. Und momentan lese ich "Grenzlandtage", das ist auf den ersten Seiten auch schon sehr vielversprechend.
      Ich meine, ich glaube, die wenigsten Menschen würden freiwillig ihre Heimat verlassen. Und dann auch noch so eine lebensgefährliche Flucht auf sich nehmen. Nur um dann mit Bürokratie und Fremdenhass empfangen zu werden.

      Ich versteh sowas auch einfach nicht. Ich meine, auch Flüchtlinge hatten bis dato ein Leben, das sich von unserem gar nicht so stark unterscheidet, wenn man mal von kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen absieht, zumal gerade die reicheren Bevölkerungsschichten fliehen.
      Mich nervt es auch, wie Gewalt ausgehend von Deutschen dabei ignoriert wird. Und wie du sagst: Das hat wenig mit der Herkunft zu tuen, Mistkerle gibt es in jeder Kultur.

      Als ehrenamtliche Helferin ist sie selbst auch ein bisschen in dem Thema drin, auf diese Erfahrungen greift sie ja wie gesagt auch zurück, was man dem Buch auch anmerkt: Die ausgeprägte Authentizität, verbunden mit einem Nachwort, das die Begebenheiten nochmal erläutert. Von daher ein wirklich tolles Buch.

      Liebe Grüße ♥

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